Heute sollte in der Kirche herzhaft gelacht werden

NZZ am Sonntag, 15.4.2017, Quelle: NZZamSonntag

nzz sonntagWitze und Gelächter gehörten bis ins 19.Jahrhundert hinein fest zu jedem Ostergottesdienst. Erst allmählich wird das sogenannte Osterlachen wieder entdeckt – zum Glück,
meint Gisela Matthiae

Wenn am heutigen Ostersonntag von einer Kanzel ein Witz ertönt und die Predigt voller wird in dieser Kirche wohl der alte Brauch des Osterlachens praktiziert. Der Gemeinde soll ein Lachen entlockt werden. Einmal gelingt das, einmal überhaupt nicht. Wer geht schon zum Lachen in die Kirche?

Lachen – dieses unkontrollierte und ansteckende Zucken des ganzen Körpers, das Ausstossen von kehligen, rhythmischen Lauten, diese Verselbständigung des Körpers erscheint alles andere als christlich. In einigen Mönchsregeln wird Lachen als sündhaft dargestellt, mindestens zur Mässigung wird aufgerufen. Ein seliges Lächeln mag noch angehen, nicht aber ausgelassenes Gelächter.

Doch genau so muss man es sich vorstellen, das Osterlachen, zumindest in Basel zur Zeit der Reformation. Von unflätigen Possenreissern ist da die Rede. Von Predigern, die mit lauter Stimme und wilder Gestikulation die Leute zum Lachen bringen. Sie rufen «Kuckuck!» oder krähen wie ein Hahn, legen sich auf Mist und tun so, als würden sie gebären, ziehen einem Laien die Mönchskutte an. Sie präsentieren Gereimtes, verwechseln Silben und benutzen zweideutige Ausdrucksweisen. Überhaupt macht weder ihre Sprache noch ihre Schauspielerei Halt vor Obszönitäten. Mit dem Lachen halten auch Anspielungen auf Sexualität Einzug in den Kirchenraum.

Als der reformierte Prediger Ökolampad aus dem schwäbischen Weinsberg nach Basel kommt, beschweren sich die Menschen über ihn, weil er diesem Brauch, dem risus paschalis, nicht folgt. Ökolampad, ein durchaus mitreissender Prediger, geht das viel zu weit. Er schämt sich, mit diesen Obszönitäten, «die eines verrufenen Komödianten würdig seien», das Papier zu beschmutzen. Und doch ist es gerade sein Briefwechsel mit Capito, einem einflussreichen reformierten Prediger am Basler Münster, der detailreiche Einblicke in den Brauch gibt. Bei ihm beschwert er sich, doch Capito verteidigt das Osterlachen ganz pragmatisch. Die Prediger würden sonst in leeren Kirchen sprechen. Ökolampad muss sich also weiter den Vorwurf gefallen lassen, das Possenreissen nicht zu praktizieren, das doch für einen Prediger am Ostertag höchst notwendig sei, «denn am Ostertag ist es ja nicht angebracht, dass der Prediger zu ernst ist». Das Osterlachen wird eindeutig mit der Auferstehungsfreude in Verbindung gebracht, wobei derbes Lachen zuvor auch zu anderen kirchlichen Festen belegt ist.

Die Theologin Maria Caterina Jacobelli untersuchte diesen Briefwechsel aus dem Jahr 1518 und weitere Quellen und fand Belege für das Osterlachen vom 9. und bis ins 19.Jahrhundert. Vom 14. bis zum 16.Jahrhundert war es weit verbreitet und fester Bestandteil der Osterliturgie, den auch Prediger mit hoher Bildung pflegten. Über das Osterlachen versuchten zudem Protestanten und Papisten sich wechselseitig eins auszuwischen. Allmählich wich die Derbheit österlicher Obszönitäten dann der Erzählung komischer Schnurren. Wem keine einfiel, der
konnte das Handbuch des Bayern Andreas Strobl zu Rate ziehen. Im deutschen Sprachraum kursierte sein 1698 erschienenes «Ovum paschale novum» (Neues Osterei) mit einer Sammlung von 40 Predigten samt «Ostermärlein», wie die Schnurren genannt wurden. Das Werk war von der Kirche offiziell genehmigt. Trotz seiner Verbreitung gab es aber immer auch kritische Stimmen, wie die von Ökolampad. Papst Benedikt XIV. mahnte dann im 18.Jahrhundert, diese üble Gewohnheit sei auszurotten.

100 Jahre später verlieren sich die Spuren, an die sich heute aber immer mehr Gemeinden wieder erinnern. Mit durchaus guten theologischen Gründen, wie ich finde. Wo gelacht wird, da herrscht keine Furcht. Anders als der Mönch Jorge in Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose» meint, braucht es zum Glauben keine Furcht, sondern Vertrauen zu Gott. Wo gelacht wird, da ist Lebendigkeit. Der Auferstandene erscheint den Jüngerinnen und Jüngern leibhaftig. Der Schrecken darüber verwandelt sich bald in Freude und diese findet ihren Ausdruck im gemeinsamen, fröhlichen Essen (Apg. 2,46f.).

Wo gelacht wird, da siegt das Leben über den Tod und alles Todbringende. Nach der überstandenen Katastrophe darf erleichtert gelacht werden. Wo gelacht wird, da ist auch die Lust nicht weit. Wenn Sara und Abraham über die Verheissung, im hohen Alter noch ein Kind zu zeugen und zu gebären, in Lachen ausbrechen (1. Mose 17,17; 18, 12), ist das auch sexuell gemeint. Das hebräische Wort für Lachen bedeutet zugleich «Sex haben». Die Frucht daraus heisst Isaak, zu übersetzen mit «Möge Gott lachen» oder in der Kurzform «Er lacht». Das Lachen zu Ostern dürfte also herzhaft, furchtlos, sinnlich, lebenslustig, befreiend und entspannend sein, vielleicht nicht ganz so obszön wie damals in Basel. Wo ist die Kirche, in der sich das jemand traut?

 
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