Das schwierige Verhältnis von Humor und Kirche

2011 swr2Stuttgart. Ariella Pavoni ist eine "Clownin mit göttlichem Segen". Auflösung des Rätsels: Bei der Fortbildung "Clownerie in Kirche und Gemeinde" lernen die Teilnehmer in andere Rollen zu schlüpfen. (…)

In den Fastnachtshochburgen entlang des Rheins herrscht jetzt wieder der Ausnahmezustand: Jecken und Narren lassen dem Frohsinn freien Lauf. Und vielerorts sind die Kirchen und ihre Amtsträger mittendrin.
Traditionell steht die katholische Kirche dem närrischen Treiben näher als die evangelische, doch auch protestantische Pfarrer steigen heute, am Fastnachtssonntag, schon mal mit einer humorigen Predigt auf die Kanzel. (…) Der Kirchenvater Augustin wollte im 5. Jahrhundert nach Christus alles Fröhliche aus den noch jungen Gemeinden verbannen. So bezeichnete er die Musik als Sünde, weil sie die Menschen durch ihre Melodie vom Text und der darin enthaltenen göttlichen Botschaft ablenke und zum Lachen reize. Besonders das Lachen war den Geistlichen nicht geheuer. „Weil das Lachen gleichgesetzt wird mit unkontrollierten Körperbewegungen, eruptiven Körperbewegungen, beim Lachen ist man nicht mehr Herr oder Frau seiner selbst, da passiert was mit einem, und das wurde gleichgesetzt mit purer Körperlichkeit, und insofern auch mit Sünde und mit Sexualität“ ,sagt die promovierte Theologin Gisela Matthiae. Sie hat sich in ihrer Forschung viel mit dem Thema Humor im kirchlichen Raum beschäftigt. Bis ins Mittelalter hat die Kirche ihren Mitgliedern allerdings ein Schlupfloch angeboten, wie all diese eigentlich verbotenen Dinge wenigstens einmal pro Jahr in den Gottesdienst hineindurften: In Form des sogenannten ‚Risus Paschalis‘, dem Osterlachen, bei dem es ziemlich derb herging: Gisela Matthiae: „Sehr derb, jaja, sehr obszön. Daran sieht man, wie Lachen und Sexualität als zusammengehörig gedacht und erlebt wurden. Auf den Kanzeln wurden nicht nur Witze erzählt, sondern pantomimisch ziemlich vulgäre obszöne Dinge vorgestellt, naja, Geschlechtsverkehr ist ja eigentlich nichts Vulgäres oder Obszönes, aber wenn es übertrieben auf der Kanzel dargestellt wird, bekommt es schon so was von diesem Charakter.“

Und als im Zuge der Reformation dieser skurrile und nicht wirklich kirchliche Brauch abgeschafft werden sollte, war das längst nicht allen Recht. (…) Doch alles in allem hatte es der Humor in der Kirche über Jahrhunderte sehr schwer, hat Gisela Matthiae bei ihrer Beschäftigung mit dem Thema herausgefunden: „Zum Beispiel gibt es bei den Mönchsregeln die Auffassung, dass man nur gemäßigt lachen soll, wer zu viel lacht, öffnet dem Teufel vielleicht sogar den Mund, man muss aufpassen, was durch die Zähne, die die Bolzen sind, in einen hinein- und herauskommt. Und da ist das Lachen ne gefährliche Sache.“

Dass der Humor mit dem Innersten des Menschen zu tun hat, lässt sich auch aus der Herkunft des Wortes aus dem Lateinischen ableiten: Die „humores“ waren in der Antike die sogenannten „Körpersäfte“. (…) Der Humor hat also damit zu tun, was den Menschen im Inneren bewegt und beeinflusst. Das bestätigt auch Gisela Matthiae. Die promovierte Theologin hat eine Zusatzausbildung zur Clownin gemacht, mittlerweile bildet sie ihrerseits Humor-Interessierte zu Clowns aus. Für sie passen Glaube und Clownerie gut zusammen:
„Der Glaube ist für mich eine Haltung der Zuversicht auf eine andere Welt, die möglich ist, auf eine Welt mit Gerechtigkeit und Frieden. Der Glaube ist für mich eine Haltung, die sich nicht zufrieden gibt deshalb mit den bestehenden Verhältnissen. Der Glaube ist eine trotzige Haltung, der Nächstenliebe. Und ich meine, die clowneske Haltung ist eine des Humors, und Humor verstehe ich so, die Dinge der Welt, mich selbst, ernst zu nehmen, aber nicht zu ernst. Das ist ein feiner Unterschied, aber den finde ich sehr wichtig.“ In ihren eigenen Auftritten als Clownin spielt Gisela Matthiae oft vor kirchlich geprägtem Publikum. Und natürlich spießt sie dann auch Missstände der Kirche auf. Aber sie versucht immer, diese clowneske Haltung zu bewahren: „Es geht ja nicht darum, dass ich mich über Kirche oder kirchliches Denken oder biblisch-theologische Inhalte lustig mache. Ich nehme mir nur die Freiheit, die Interpretation von biblischen Texten oder die Art, wie Kirche sich zeigt, auch kritisch anzusehen, das heißt aber, ich bin in erster Linie solidarisch mit dem, bin ja auch selber eine Vertreterin der Kirche, sehe aber, wie die Umsetzung geschehen oder was auch anders sein könnte.“

Eingefahrene Gewohnheiten auch mal aufbrechen – und das auf humorvolle Weise, dafür hat Gisela Matthiae die Kunstfigur „Frau Seibold“ entwickelt. Mit dieser sehr einfach gestrickten, schwäbisch schwätzenden Dame spielt sie in Kirchengemeinden gerne verstecktes Theater: Das bedeutet, der Pfarrer ist eingeweiht, die Gemeinde aber ahnungslos. Und dann springt sie zum Beispiel nach der Begrüßung des Pfarrers im Gottesdienst auf, ruft ein fröhliches „Grüß Gott, Herr Pfarrer!“ und begrüßt einzelne Gemeindemitglieder in den Kirchenbänken. Die Reaktionen sind eigentlich immer gleich: „Wenn ich so eingestiegen bin in den Gottesdienst, erlebe ich, dass die Leute lachen, sich freuen darüber, im Moment wissen sie noch nicht, wer ist die komische Nudel, aber sie freuen sich, es ist ein anderes Element da, das kann sich im Gottesdienst fortsetzen, je nachdem, wie wir‘s planen.“ Eine Möglichkeit ist, dass Frau Seibold Fragen stellt, mitten im Gottesdienst. Fragen, die sich sonst niemand mehr zu stellen traut. Fragen zu Glaubenssätzen, die zwar immer und immer wieder gesagt werden, die aber trotzdem keiner wirklich begriffen hat: Gisela Matthiae: „Zum Beispiel so, dass der Pastor anfängt über das Gottesbild zu predigen. Ich springe wieder auf und sage „Sie! Das hab ich noch nie verstanden!“ und gehe wieder in den Gang und bin jetzt ganz bei den Menschen selber. Und mach die Handtasche auf und hol einen Spiegel raus und schau mich an: „Ha, Gottes Ebenbild, gar nicht schlecht! Ich hab heut nur den Hut auf, es hat nicht mehr zum Friseur g'langt!“ und dann seh‘ ich Leute in den Bankreihen, sehe Männer, Kinder und frage: „Ja, und wer ist jetzt Gottes Ebenbild?“ dreh den Spiegel um, lass die Leute in den Spiegel gucken, also da passiert was. Wie ist das zu deuten? Und das ist sehr schön, das zusammen mit dem Pfarrer im Dialog zu machen.“ (…)

Im Idealfall fügt sich der Humor harmonisch in das Gemeindeleben ein, weil er wie selbstverständlich von den Hauptamtlichen und den Gemeindemitgliedern im Umgang miteinander gepflegt wird, sagt die Clown-Ausbilderin Gisela Matthiae: „Ganz wichtig ist das Stichwort „Kontakt“, und das führt schon sehr schnell dazu, dass ich sehr schnell ein gutes Gespür dafür bekomme, was im Raum gerade ist, wie die Atmosphäre ist, wie schauen die Menschen, blicken sie fröhlich, sind sie bedrückt, sind sie gar abwesend? Das hat dann für mich damit zu tun, dass ich dann auf das eingehe, was gerade ist. Und das bedeutet auch, in einer Predigt auch mal direkt ansprechen, zum Beispiel so: „Sie gucken gerade nicht so begeistert...“ Je nachdem, worum es geht, würde ich direkt ansprechen, was ich in den Gesichtern lesen kann und würde versuchen, auf diese Art nicht nur bei mir zu sein und bei meinem Text und bei dem, was ich vorbereitet habe, sondern ganz direkt bei den Menschen.“

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