Mehr als nur Spaßmacher

Kasseler SonntagsblattRenata Safari schlendert einen Weg entlang. Ihr Blick verrät Vergnügen über das, was sie sieht. Renata Safari trägt kunterbunte Kleider, auf dem Kopf sitzt ein Riesenstrohhut, mitten im Gesicht prangt eine knallrote und knollenrunde Nase.

An ihren Armen zerrt etwas Schweres. Ist es ein Koffer oder sind es Kinder? Ein Aufjuchzen. Was hat Renata Safari entdeckt? Ihre Schritte werden schneller, ihr Grienen breiter, sie hält etwas in der Hand. Rasch wird klar, was es ist: ein Eis. Nuss. Und noch eins: Stracciatella. Und noch eins. Sie schleckt und schleckt, und genießt. Auf einmal ein entsetzter Blick, Laute der Angst ertönen. Renata Safari läuft suchend umher. Plötzlich atmet sie auf, macht einen Tanz der Freude, umschlingt etwas: Kinder, die ihr über die Lust am Eis abhanden gekommen waren. Dies ist die Szene eines Clowntheaters, das nach dem Sommer in Gottesdiensten oder Gemeindefesten zu sehen sein wird.

Renata Safari, ist eine von 16 Clowncharakteren, die dafür während der Langzeitfortbildung „Clownerie in Kirche und Gemeinde“ unter der Leitung von Dr. Gisela Matthiae, entwickelt werden.
Was ist Clownerie? Clownerie ist ein Spiel mit sich selbst, den eigenen Mustern und Rollen, mit Bildern von sich selbst und anderen, von Launen und Lauten, mit Regeln, Normen, Symbolen und Glaubenssätzen. Damit ist die Clownerie mit ihrer kindlichen Naivität und Tollpatschigkeit das richtige Stilmittel, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein, sich mit ihr kreativ und kritisch auseinanderzusetzen. Eine Aufgabe, die sich auch Kirche und Gemeinde stellt.

Die Teilnehmer, die haupt- oder ehrenamtlich in Kirche und Gemeinde tätig und interessiert an der Verbindung von Clownerie und Kirche sind, kommen aus ganz Deutschland. Unter ihnen sind Theologen und Pädagogen ebenso wie Juristen. Sie haben ein gemeinsames Ziel: Das clowneske Staunen und Stolpern für sich und ihre Arbeit zu entdecken. Veranstalter der ein Jahr dauernden Veranstaltung, die im vergangenen Oktober begonnen hat, ist die Evangelische Akademie Hofgeismar in Kooperation mit dem Predigerseminar der EKKW und dem Zentrum Verkündung der EKHN.

„Diese Fortbildung bietet die Möglichkeit, sich mit der Komik des Glaubens, mit dem Humor in der Bibel und mit dem Clownesken als einem ureigenen Ausdruck christlicher Existenz auseinanderzusetzen“, sagt Gisela Matthiae, Theologin, Erwachsenenbildnerin, Lehrbeauftragte und Clownin.
Clowns geben nie eine gute Figur ab. „Mit verblüffender Naivität, kindlichem Staunen, ungebremster Neugierde trotzt ein Clown auch hoffnungslosen Situationen. Der Clown zeigt, dass nicht das Perfekte, das Ideale und das so genannte Normale das Maß bilden“, erklärt Gisela Matthiae.

Clowns stolpern über ihre Füße und in Fettnäpfchen, blicken hinter die Fassaden und denken um die Ecke, widmen Unscheinbarem und Belanglosem ihre Aufmerksamkeit. „Sie erzählen von der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und Vergebung, von Gnade und Hoffnung. Sie erzählen Geschichten vom Leben und sind den biblischen Geschichten verblüffend ähnlich. Das Kleine wird groß. Die Letzten werden die Ersten sein“, erläutert sie.
An 27 Workshoptagen erarbeiten die Teilnehmer ihre Figuren. Sich in diese Figur einzuleben, ihr Charakter zu verleihen und Geschichten auf den Leib zu schneidern, daran arbeiten die Teilnehmer seitdem akribisch. Es wird an Mimik und Gestik, Haltung und Stimme gefeilt, ebenso wie daran, die richtigen Pointen zu setzen und mit dem Publikum zu spielen. Vieles passiert spontan, ist improvisiert. Das macht den Charme des Clowntheaters aus. „Witz entsteht, wenn man ganz in dem Charakter drin steckt“, sagt Gisela Matthiae.

Ob Renata Safari, Benito, Alma Wagenseil oder Luigi – sie alle sind liebenswerte Charaktere, die uns überall begegnen könnten. „Lachen und Humor kommen oft zu kurz. Sie sind die wichtige Energie, um das Leben zu meistern. Gerade schwache Momente und Peinlichkeiten“, sagt der 43-jährige Pfarrer Johannes Nolte aus Bebra. Er ist in die Rolle des unwiderstehlichen Luigi geschlüpft. Immer wieder bringt er seinen Körper in Pose, extrem männlich und mit ausladendem Hüftschwung. Sind Sie nicht auch schon einmal Luigi begegnet? Irgendwo und irgendwann?
Helga Kristina Kothe

Und hier der vollständige Artikel im Kasseler Sonntagsblatt

zurück zur Übersicht