Lachet, so werdet ihr finden

bellaStill und meditativ – so kennen wir meist die Kirche. Dabei lässt sich die Frohe Botschaft doch auch anders verkünden, findet diese Theologin und Spaßmacherin. Mit roter Pappnase tritt „Frau Seibold“ zu Beginn des Gottesdienstes vor die Gemeinde. Im schönsten Schwäbisch macht sich die Clownsfigur alias Gisela Matthiae Gedanken über Sparzwänge, die nun auch die Kirche erreicht haben. „An der Dreieinigkeit könnte man auch mal sparen, die ist ja auch ein bisschen üppig“, sinniert sie und fragt dann provokant: „Aber wen kürzen wir da jetzt raus?“ Gelächter.

Still und meditativ – so kennen wir meist die Kirche. Dabei lässt sich die Frohe Botschaft doch auch anders verkünden, findet diese Theologin und Spaßmacherin.

Mit roter Pappnase tritt „Frau Seibold“ zu Beginn des Gottesdienstes vor die Gemeinde. Im schönsten Schwäbisch macht sich die Clownsfigur alias Gisela Matthiae Gedanken über Sparzwänge, die nun auch die Kirche erreicht haben. „An der Dreieinigkeit könnte man auch mal sparen, die ist ja auch ein bisschen üppig“, sinniert sie und fragt dann provokant: „Aber wen kürzen wir da jetzt raus?“ Gelächter.

„Klischees im Kopf werden durcheinandergewirbelt“


Clowns sind kleine Störenfriede, Unruhestifter. Mit ihrer naiven Art nehmen sie sich die Freiheit, Dinge und Umstände infrage zu stellen, die „schon immer“ waren, wie sie sind. Warum also nicht auch in der Kirche? Fragte sich Gisela Matthiae eines Tages. Die evangelische Theologin erklärt: „Jesus war auch unkonventionell. Er brach die Tabus seiner Zeit, ließ sich auf Debatten mit Frauen ein, was damals als undenkbar galt. Und er gab sich mit Menschen ab, die am Rande der Gesellschaft standen. Er hat sogar gefragt, ob die Repräsentanten des Glaubens ihre Arbeit gut machten.“
Wenn die Pfarrerin heute als Clownin Gottesdienstbesucher zum Lachen bringt, möchte sie gleichzeitig auch ein bisschen irritieren und alte Denkmuster sprengen. Deshalb gehören Übertreibungen zu ihrem Handwerkszeug. Also spricht Gisela Matthiae auch von der Clownin Gott: „Damit will ich zum Nachdenken anregen, ob Gott überhaupt ein Geschlecht hat. Und darauf, dass Gott uns immer ungewöhnlich, unerwartet und überraschend begegnet.“

„Was wir brauchen, ist eine Art Spiel-itualität“

Kirchliche Traditionen in Deutschland kennt man eher still und meditativ. Anders als in den USA. Im kalifornischen Berkeley kam Gisela Matthiae in den 90er-Jahren während eines Studienjahrs erstmals mit der Kirchenclownerie in Berührung. In den USA gibt es viele Holy Fool Groups, „Gruppen heiliger Narren“, die regelmäßig in den Kirchen auftreten. Ein Phänomen, das man so ähnlich schon im Mittelalter kannte, als man Bibelgeschichten unterhaltsam und für jeden verständlich inszenierte. Die Leichtigkeit der amerikanischen Kirchenclowns hatte es Gisela Matthiae angetan: Als ihr als junge Pfarrerin eine Stelle in der Bildungsarbeit zugeteilt wurde, ließ sie sich zur Clownin und Theaterpädagogin ausbilden. Heute ist sie eine von rund 50 Kirchenclowns in Deutschland. Bundesweit wird sie zu Gottesdiensten eingeladen, die sie entweder im Talar oder im Clownsoutfit hält. Außerdem vermittelt sie den Studenten bei Lehraufträgen an Universitäten und kirchlichen Hochschulen einen unkonventionellen Zugang zum Geistlichen. „Was wir brauchen, ist eine Art Spielitualität“, sagt Gisela Matthiae, „eine fehlerfreundlichere Haltung. Das ist ja der Kern der Frohen Botschaft: dass Gott uns liebt, mit all unseren Schwächen.“ Die Bibel sei ein lebensbejahendes Buch, sagt sie: „Gott wünscht sich, dass wir uns an seiner Schöpfung erfreuen. Und ich finde, wir sollten sie auch bestaunen, wie es die Kinder tun. Auch das kann man mit der Clownerie wieder üben.“

„Glaube und Humor haben beide etwas Trotziges“

Gleichzeitig macht eine clowneske Grundeinstellung gelassen – selbst wenn einen das Leben mal auf die Probe stellt. „Humor braucht man vor allem, wenn es eigentlich nichts zu lachen gibt“, sagt Gisela Matthiae. „Er hilft uns, den Verhältnissen zu trotzen. Das ist auch eine wichtige Gemeinsamkeit mit dem Glauben. Beides hilft uns zu sagen: Ich lasse mich nicht unterkriegen, komme, was da wolle!“ Das öffnet den Blick für Veränderungsmöglichkeiten, statt einfach zu resignieren.
Damit auch andere die Kunst der Heiterkeit erlernen können, bietet die 54-Jährige seit 1998 regelmäßig deutschlandweit Clownskurse und Workshops an. Hier übt sie mit ihren Teilnehmern, Konflikte unkonventioneller anzugehen. „Wenn das Leben hohe Wellen schlägt, können wir verzweifeln, wütend werden oder aber versuchen, eine andere Lösung zu finden. Das kann auch einfach bedeuten, die Dinge mal aus einem anderen Winkel zu betrachten. Die Einstellung des Clowns ist so: Wenn eine Taube ihren Kot direkt auf das frisch gewaschene Hemd fallen lässt, freut man sich eben, dass Kühe nicht fliegen können.“ Indem wir Dinge so deuten, wie sie uns guttun, schenken wir uns selbst innere Freiheit, meint Gisela Matthiae.
Unser Glück hängt dann also nicht mehr ausschließlich von äußeren Umständen ab, sondern auch von unserer inneren Einstellung. „Durch Humor können wir auf Abstand zur eigenen Misere gehen, wir können darüber lachen und dabei wohlwollend mit uns selbst bleiben.“ Auf diese Weise fällt es einigen vielleicht leichter, wieder Freundschaft zu schließen – mit sich selbst und mit Gott.

Text: Deborah Weinbuch


Das Clowns-Handwerk kann man lernen

Gisela Matthiae gibt regelmäßig Clownsworkshops, offen „für alle, die die Kunst des Stolperns erlernen wollen“. Außerdem bietet sie für Pfarrerinnen und Pastoren, Religionspädagoginnen, Jugendreferenten und Pflegerinnen zwei ganzjährige und berufsbegleitende Ausbildungen an: „Clownerie in Kirche und Gemeinde“ und „Clown im Altenheim“.Mehr Infos: www.kirchenclownerie.de

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