Innergöttliche Achterbahn

EvGemeindeblattEs sind Szenen aus dem Kirchengemeindealltag, aber auch gesellschaftliche Probleme, die Gisela Matthiae auf der Bühne thematisiert. Die Theologin und Kirchenclownin möchte bei ihren Auftritten „das Unausgesprochene ans Tageslicht bringen" Von Franziska Bohl

Der Veranstaltungssaal der Evangelischen Akademie Bad Boll ist gut gefüllt. Rund 70 junge Vikare und Pfarrerwarten, auf Gisela Matthiae, die dortan diesem Tag bereits einen Vortrag gehalten halt. Jetzt tritt sie abermals vor die Teilnehmer der Herbstkonferenz, dieses Mal in der Rolle der „FrauSeibold". Ausgerüstet mit zwei Nordic-Walking-Stöcken läuft sie mit steilen Schritten über die farbig beleuchtete Bühne. Das lila Kostüm, geschmückt mit einer Brosche, sitzt wie angegossen, die Augen leuchten unter dem schwarzen Hut.

Mit „Sparprogramm" hat sie ihr Motto an diesem Abend überschrieben. Frau Seibold spricht vor dein Publikum von „evangelischen Kräften", die man bündeln müsse, um den finanziellen Einbußen etwas entgegenzustellen. „Am besten, wir blasen die Kerzen in der Kirche selbst aus", schlägt sie vor und sorgt mit der Bemerkung für Gelächter.Ihr Körper ist im ständigen Einsatz, Gisela Matthiae macht mit ausgetreckten Armen kreisende Bewegungen, wiegt sich vor und zurück. Zwischendurch animiert sie das Publikum, ihre Gesten zu imitieren, ballt und öffnet die Fäuste dabei im Rhythmus.

„Der ganze Zugang zur Clownerie geht über den Körper", so beschreibt sie hinterher die Arbeit auf der Bühne, „die Sprache wird reduziert, man muss sich dafür entscheiden, vor dem Publikum ganz präsent zu sein." „Clownerie", sagt sie, „ist dazu da, das Unausgesprochene ans Tageslicht zu bringen". Das gilt auch für diesen Abend an der Akademie Bad Boll, wo Frau Seibold mit dem typischen Kirchen- und Gemeindealltag zu kämpfen hat; mit der Organisation des Herbstbazars, Einsparungszwängen und Kirchengemeinderatssitzungen.

Gisela Matthiae beschreibt die Rolle von Frau Seibold als „Gemeindefrau, die sich seit Jahrzehnten engagiert, die forsch auftritt, energiegeladen und naseweis ist". Diese kümmere sich um alles und lasse sich das Denken nicht verbieten. „Mit solchen Frauen hat man es als Pfarrer nicht ganz einfach", sagt sie mit einem Schmunzeln. Ob in der Rolle von Frau Seibold oder anderen Figuren: Oft sind es typische Alltagsszenen aus dem Gemeindeleben, die Gisela Matthiae auf die Bühne bringt.

Aber auch Geschlechterklischees sind ein Thema, oder gesellschaftskritische Fragen wie der Fitnesswahn. An diesem Abend geht es auch um die Dreieinigkeit. Diese vergleicht die Clownin, gestenreich mit Armen und Beinen untermalt, mit einer „innergöttlichen Achterbahn". „Wenn ich biblische Geschichten aufgreife, schlucken manche schon mal", gesteht sie später. „Aber es hat sich noch keiner bei mir beschwert." Bei ihren Auftritten, unter anderem auch auf Evangelischen Kirchentagen, möchte die 55-Jährige auch dazu beitragen, „dass wir uns nicht zu ernst nehmen". Da schließe sie sich selbst mit ein.

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