Himmlisches Gelächter

2014 reformiertePressePfarrerin und Clownin Gisela Matthiae zu Gast in Zürich. Glauben ist eine ernsthafte Angelegenheit. Was nicht heisst, dass es dabei nichts zu lachen gibt.

Marianne Weymann
Clowninnen treiben Schabernack, ein Pfarrer setzt sich eine rote Nase auf, der Leierkasten spielt Kirchenlieder – wer gern lachte, kam an diesem Märzabend im Zürcher Haus zum Lindentor auf seine Kosten. Kein Wunder, stellte doch die Zürcher reformierte Landeskirche ein Buch der besonderen Art vor: «Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen». Die Autorin Gisela Matthiae ist Pfarrerin und auch Clownin – und findet, das eine habe sehr viel mit dem anderen zu tun. Weshalb in ihrem Buch natürlich viel von Clowninnen die Rede ist. Aber nicht nur: Eine «theologische Pointe» in jedem Kapitel stellt die Clownerien in den weiteren Zusammenhang der Rede von Gott.

«Gesetzt den Fall, Sie glauben an einen Gott: Kennen Sie ein Anzeichen dafür, dass er Humor hat?» fragte Max Frisch einst subversiv. Die meisten von uns würden wohl mit einiger Verlegenheit antworten: Äh, nein, eigentlich nicht. Humor passt irgendwie nicht zu unserem Gottesbild. Weil uns niemand darauf gestossen hat, so wie Matthiae es mit ihrem Buch tut? Wenn man hinschaut, gibt es nämlich für den oder die Glaubende einiges zu lachen.

Das fängt schon mit der Bibel an. Da finden sich ein paar wirklich komische Helden: der Prophet Jona, der die beleidigte Leberwurst spielt, weil Gott Ninive nicht untergehen lässt. Die Zurechtweisung Gottes erfolgt durch einen Rizinusbaum (Jona 4). Oder der Eiferer Elia, der gern einen genau- so eifernden Gott gehabt hätte, mit Sturm und Blitz und Donner. Nein, sagt Gott, ein kleiner Luftzug reicht mir vollkommen (1 Kön 19). Am komischsten ist vielleicht Bileam, der falsche Prophet (Num 22): Er soll Israel verfluchen, aber es kommen nur Segenssprüche über seine Lippen.

Gott lässt sich sogar von Menschen auslachen, ohne es ihnen übelzunehmen. Zumindest von Abraham und Sara, die auf die Ankündigung eines späten Nachkommen mit Gelächter reagieren (Gen 17 und 18). Zuletzt lacht aber immer Gott, und deshalb erhält der Nachzügler den Namen Jitzchak – «er (Gott) lacht». Im übrigen war dieses respektlose Gelächter von Erzvater und -mutter schon zu biblischen Zeiten suspekt. So hatte Abraham für Paulus nie den geringsten Zweifel an dieser doch einigermassen unrealistischen Verheissung. Im Gegenteil, schreibt Paulus: «Ohne im Glauben schwach zu werden, nahm er seine schon erstorbene Manneskraft wahr – etwa hundert Jahre war er alt – und den erstorbenen Mutterschoss Saras. An der Verheissung Gottes liess er sich durch Unglauben nicht irremachen, sondern er wurde stark im Glauben» (Röm 4, 19–20). Von Jesus wird tatsächlich nirgendwo gesagt, dass er gelacht habe (geweint hat er mehrmals). Aber Feste hat er gefeiert, Wasser in Wein verwandelt (Joh 2), mit dubiosen Leuten zu Mittag gegessen und schräge Metaphern gebraucht, mit Splittern und Balken, Kamelen und Nadelöhren. Aber so wenig sich Paulus einen ungläubigen Abraham vorstellen kann, so wenig können sich einige Theologen heute wohl einen Jesus vorstellen, der absurde Übertreibungen gebraucht. So wird wahlweise behauptet, das Kamel sei eigentlich ein dickes Seil oder das Nadelöhr ein enges Tor.

Auch in der Kirchengeschichte hatte das Lachen einen schweren Stand. Beim Kirchenvater Chrysostomos (4. Jh) können wir zum Beispiel lesen: «Es ist jetzt nicht die Zeit des Gelächters, sondern der Tränen.» Der Mensch habe absolut keinen Grund zum Lachen, schliesslich sei Christus für seine Sünden qualvoll am Kreuz gestorben.

Müssen Christen sich also permanent schuldig fühlen? Ist nicht die frohe Botschaft des christlichen Glaubens die Überwindung von Sünde und Tod? Könnten sie sich darüber nicht ein bisschen mehr freuen? Viel gemerkt hat die Welt bisher nicht davon. «Die Christen müssten mir erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte», sagte schon der Philosoph Friedrich Nietzsche. Die Erlösung ohne eigenes Zutun war auch die wichtigste Lehre der Reformation. Genützt hat es nicht viel: Die Protestanten scheinen eher noch sauertöpfischer dreinzuschauen als ihre katholischen Glaubensbrüder und -schwestern, die haben zumindest ihren Karneval. Immerhin stellte der Genfer Reformator Johannes Calvin in seiner «Institutio» fest: «Es ist nirgendwo untersagt zu lachen.» Luther wird das Zitat zugeschrieben, das Matthiae als Titel für ihr Buch gewählt hat: «Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen.» Auch wenn es gut erfunden sein sollte (nachweisen lässt es sich nicht), wissen wir von Luther, dass er einen mitunter recht derben Humor pflegte und auch gehörig über sich selbst lachen konnte.

Über sich selbst lachen zu können ist die Grundlage für jede Art von Humor, woran Gisela Matthiae auch an jenem Abend erinnerte. Humor sei eigentlich eine «Haltung sich selbst gegenüber». Sie beweise sich vorwiegend in Momenten, «in denen es eigentlich nichts zu lachen gibt». Eine humorvolle Haltung erlaube es, eigene Unzulänglichkeiten weder zu verdrängen, noch an ihnen zu verzweifeln, sondern über sie zu lachen. Dieses Lachen ist befreiend. Denn es kommt aus der Einsicht, dass ich nicht perfekt bin («vollkommen unvollkommen» nennt Matthiae das), es aber auch gar nicht sein muss. Das klingt nicht nur zufällig nach der reformatorischen Rechtfertigungslehre. «Seien wir endlich so gnädig zu uns, wie Gott es ist», brachte es Matthiae auf den Punkt.

Nicht nur Lachen über sich selbst ist befreiend. Auch in Umständen, in denen das Individuum machtlos ist, kann Lachen dazu verhelfen, den Kopf oben zu be- halten, die Deutungshoheit zu bewahren, «Subjekt zu bleiben», wie Matthiae es ausdrückt. Nicht umsonst sind Diktaturen jeglicher Art ein ausserordentlich fruchtbarer Nährboden für «Flüsterwitze», und auch der vielgerühmte jüdische Humor wäre ohne die permanente Bedrohung dieser Gemeinschaft schwer vorstellbar. Das Gegenteil von Humor ist nicht Ernsthaftigkeit, sondern «Überernst», das Sich-selbst-zu-ernst-Nehmen. Im religiösen Bereich kann Humorlosigkeit ein Indiz für einen gewissen dogmatischen Starrsinn sein. Natürlich ist nicht jeder humorlose Glaube gleich totalitär. Aber jeder totalitäre Glaube ist humorlos.

Ein Katalysator des Lachens ist der Clown oder die Clownin. Er oder sie ist der Spiegel, durch den der Mensch seine eigene Unzulänglichkeit in gnädigem Gelächter annehmen oder seinem im Normalfall so gut kaschierten Bedürfnis nach hemmungsloser Albernheit einmal nachgehen kann. Und könnte man sich in diesem Zusammenhang nicht sogar Gott als Clownin vorstellen, wie Matthiae es versucht? Als Gegenbild zu diesem zur Genüge bekannten männlichen Machtprotz? Ein gnädiger Spiegel menschlicher Unzulänglichkeit, der «Trost und Trotz» möglich macht angesichts der Mängel dieser Welt? Vielleicht geht das jetzt wirklich zu weit. Aber wie jeder Mensch ist natürlich auch die Clownin ein Ebenbild Gottes. Eins von unzähligen, denn Gott lässt sich nicht fassen. Aber eins, das sich im Auge zu behalten lohnt.

Gesamter Artikel mit Bildern (PDF)

zurück zur Übersicht