Mit der roten Pappnase den Glauben entdecken

2014 reformiertCLOWN/ Gisela Matthiae zeigt, wie die Clownerie als Lebenskunst und was das Schelmentum mit dem Evangelium zu tun hat.

Mit der roten Pappnase den Glauben entdecken «Uuhh! Uuuh!» Die Aufwach-Stossseufzer aus zwölf Kehlen tönen noch verhalten. Soeben haben die Teilnehmenden der Zürcher Landeskirche einen eintägigen Workshop begonnen, um die Clownerie als Lebenskunst einzuüben. Noch ist der Kopf der Clownnovizen im Alltagsmodus und will das Geschehen in der bunt zusammengewürfelten Gruppe kontrollieren. Das «Uuh» kommt gepresst und ziemlich beherrscht daher. Grundregel Nummer eins des Workshops ist noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen: «Du kannst als Clown keine schlechte Figur machen.»

Die Maxime hat Gisela Matthiae gleich zu Anfang für die zwölf kirchlichen Mitarbeitenden ausgegeben. Sie selbst ist schon lange in Kirchen, Tagungs- und Gemeindehäusern als Clown-Trainerin unterwegs und versucht, das klassische Vorurteil zu brechen: dass Humor und Kirche zusammenpassen wie Beelzebub und Weihwasser. Bereits 1992 tauschte sie den Talar der Gemeindepfarrerin mit dem Clownskostüm. Seither schnüffelt sie mit roter Nase in Bibelstellen und im Gemeindeleben nach Komik.

Um zu zeigen, dass Theologie und Clownerie eine vergnügliche Einheit bilden und um der auf Korrektheit bedachten protestantischen Kirche eine lange Nase zu machen, schrieb sie eine feministisch inspirierte Doktorarbeit mit dem Titel «Clownin Gottes».

OOOHH! Zurück an den Hirschengraben in Zürich, wo im ehrwürdigen Saal im obersten Stockwerk gerade Gisela Matthiae auf das Kassettengerät drückt und sagt: «Jeder schaut dem anderen tief in die Augen.» Die Frauen und Männer tanzen umeinander herum, fixieren das fremde Gegenüber. In immer neuen Varianten begegnen sie sich tänzerisch. Ohne Worte stellt sich bald spielerisch Vertrauen her, werden Beziehungen geknüpft. Die Pfarrerinnen, Sozialdiakonen und anderen kirchlichen Mitarbeitenden erfasst die Leichtigkeit des Seins. Als das Clown-Abc der Vokale – «I» wie «Igitt», oder ein langgedehntes «O» für das Erstaunen an der Welt – eingeübt wird, hört sich das schon viel hemmungsloser an als die ersten Stossseufzer.

IGITTIGITT. Jetzt fischt Gisela Matthiae aus einem Beutel rote Nasen. Das leuchtende Utensil trägt sich wie eine Tarnkappe, lässt Zwänge und Konventionen abfallen. Nur der Gummigeruch sticht unangenehm in die Nase. Eine Teilnehmerin hält das Gummibällchen weit von sich und macht das «I» für «Igittigitt» so formvollendet, als würde sie mit dieser Clownnummer schon ein Leben lang auftreten. Kleine Sketches entstehen nun. Als am Schluss eine Gruppe mit aufgerissenen Augen und verzweifelt offenem Mund vor der pantomimischen Szenerie eines brennenden Hauses steht, aus dem die Menschen nicht gerettet werden können, interveniert die Clown-Trainerin: «Clowns finden immer eine Lösung.» Gisela Matthiae spannt ihr gestreiftes Kurzarm-Leibchen nach vorn und lässt die bangenden Menschen im virtuellen obersten Stockwerk mit einem Sprung ins «Sprungtuch» dem Inferno im letzten Moment entkommen. Hier berühren sich Clownerie und Glaube am stärksten: Es geht um die überraschenden Wendungen. «Das hat die Clownerie mit dem Neuen Testament gemeinsam: Nach Karfreitag kommt Ostern», sagt Matthiae.

DELF BUCHER

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